Pepe Teil 2: Genug geträumt, willkommen im wirklichen Leben

Pepes Geschichte #2

Der Einzug erfolgte, es begann nun der ganz normale Wahnsinn: Es wurde ordentlich gefiept und professionell gepöbelt. Wir wussten relativ schnell, dass wir nichts wussten. Der Weg bis zum perfekten Begleiter schien ewig lang zu sein und voller Stolpersteine (oder Felsen?!). Doch wie perfekt muss ein Hund überhaupt sein?

Dorfsheriff strebt einstweilige Verfügung an

Dorfsheriff Pepe: “Andere Hunde sind gruselig”

Von Anfang an fiepte er in der Box während der Autofahrt (mal mehr, mal weniger). Und es war völlig egal, ob wir nur ums Eck fuhren oder rund acht Kilometer bis ins Büro. Doch noch viel mehr ins Zeug legte er sich, wenn er allen Beteiligten klarmachte, was er von anderen Hunden hält. Denn wenn es nach ihm ginge, würde er am liebsten gegen jeden Hund eine einstweilige Verfügung für ein Annäherungs- und Kontaktverbot vor Gericht beantragen. Gerüchten zufolge entwickelte er sich schnell in unserem Dorf und in unserer Straße zum „Straßenschreck“ (man könnte auch „Dorfsheriff“ sagen).

Eines steht fest: Hundeschulen gibt es nicht

Was tun? Wir planten sowieso von Anfang an, eine Hundeschule zu besuchen. Das nervige Fiepen und die Leinenpöbelei machten das Ganze noch etwas dringlicher. Die Suche gestaltete sich glücklicherweise nicht ganz so aufwendig wie beim Hundefutter. Nach wenigen “Vorstellungsgesprächen” wurden wir fündig. Vorab sei erwähnt, dass Pepe bis heute mit uns die Schulbank drückt. Und wie es aussieht, haben wir noch lange nicht ausgelernt. Aber eigentlich gibt es keine Hundeschule, es müsste nämlich vielmehr „Menschenschule“ heißen. Denn die Ursache aller Herausforderungen (ich vermeide das Wort „Probleme“) befindet sich in 99% der Fälle nicht am Ende der Leine, sondern hat diese in der Hand.

Wachsamkeit ist nicht nur was für Wachhunde

Die Hunde “sprechen” nämlich mit uns und zwar in jedem Moment, in dem sie wach sind. Doch viele Halter hören ihnen schlichtweg viel zu selten auch wirklich zu. Schon ohne Ablenkung durch Smartphone o.ä. ist es (jedenfalls für mich) nicht einfach, jede Sekunde im Hier und Jetzt zu sein, und ich weiß wovon ich rede (Details im nächsten Teil des Blogs). Doch ist es fast täglich zu beobachten: Viele Halter verbringen während der Gassirunde viel lieber die wertvolle Zeit, um beispielsweise Mails zu checken oder in sozialen Netzwerken zu surfen, statt auf ihren Begleiter und dessen Körpersprache zu achten. Die Halterin der “Flexileinen-Luzie” zum Beispiel las sogar in einem Buch während der gemeinsamen Zeit draußen (sie taucht zu einem späteren Zeitpunkt nochmal kurz auf). Und die kleine Luzie strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und Sicherheit (Vorsicht: Eine Prise Ironie könnte enthalten sein). Und das sah selbst ich, der Möchtegern-Hundeexperte. Apropos:

Hundeexperte ist doch irgendwie jede(r)

Wir glaubten (allen Ernstes), uns mit Hunden im Allgemeinen gut auszukennen. So schwer kann das ja nicht sein, denn jede(r) weiß: Wedeln zeigt immer Freude, Hunde lieben Spielzeug über alles und wenn zwei Vierbeiner zusammen wie verrückt über die Wiese rennen, ist das Spaß pur. Wir hatten ganz genaue Vorstellungen von dem, was Hunde wollen und brauchenDoch was für eine Fehleinschätzung (oder gar Überschätzung?!)! Beispiel gefällig? Pepe spielt überhaupt nicht. Er kann mit Stofftieren und ähnlichem “Kram” also mal so gar nichts anfangen. Soviel zum Thema „was ein Hund halt so macht und braucht“.

Ein Puzzle mit vielen Teilen

Inzwischen wich die Illusion der Realität! Ich schätze mal, dass von meinem geballten Hundewissen, das schon jahrzehntelang in mir gefangen war und nur wartete, endlich freigelassen zu werden, immerhin 5% sich auch tatsächlich als nützlich rausstellten (ja ok, es können auch 6% sein). Mit diesem ständig sich erweiternden Horizont arbeiten wir nun gemeinsam an uns. Da ich den Umfang des Beitrags hier nicht sprengen möchte, gehe ich auf die einzelnen Baustellen, die es zu beackern gilt, nicht im Detail ein. Wir kennen wahrscheinlich noch nicht mal alle und lassen uns überraschen. Doch eines wird uns langsam bewusst: Irgendwie haben alle Baustellen miteinander zu tun, und irgendwann werden sich die Puzzleteile zusammenfügen und ein (positives) Gesamtbild ergeben. Dessen sind wir uns sicher! 

Der perfekte Hund? Nicht mit uns!

Manches liest sich eventuell an der einen oder anderen Stelle frustriert, enttäuscht, von der Realität eingeholt oder aus den schönen Träumen gerissen. Und das mag in kleinen Teilen durchaus auch zutreffen. Einen Tierschutzhund bei sich aufzunehmen, bedeutet eben Arbeit, die man auch annehmen sollte. Aber mal ganz ehrlich: So ganz ohne Enttäuschungen und Rückschläge würden wir die Erfolgserlebnisse und tollen Aha-Momente doch gar nicht so intensiv spüren und erleben. Und weiterentwickeln würden wir uns ebenfalls nicht!

“Wir wollen insgeheim gar keinen perfekten Begleiter…”

Unter dem Strich haben wir seit rund zehn Monaten (und hoffentlich noch viele Jahre mehr) ein Familienmitglied, für das wir den letzten Knochen, die letzte Karotte (ja, die liebt er tatsächlich) und die letzte Decke hergeben würden und für den wir gerne wieder zur Schule gehen. Mal unter uns, es ist doch so wie bei uns Menschen: Wir wollen insgeheim gar keinen perfekten Begleiter, sondern einen mit Ecken und Kanten, der auch mal im Auto fiepen darf und nicht jeden fremden Hund lieben muss. Eben einen wie unseren Dorfsheriff Pepe!

So schlimm bin ich doch gar nicht…oder?

Und so geht’s weiter…

Muster im Kopf aufbrechen, dann klappt`s auch mit dem Spanier: Warum Aufmerksamkeit nicht nur im Straßenverkehr immens wichtig ist und Pepe Schulnote 1 verdiente, während sein Halter sang- und klanglos durch die “Prüfung” rasselte…

Wie es mit Pepe weitergeht, erfahrt ihr in Teil 3 des Blogs.

16 Kommentare

  1. Noelia Gómez Valero

    Ich liebe „der Perfekte Hund? nicht mit uns!“ weil nur so können wir uns gegenseitig begleiten, wer sagt dass der Hund einen perfekten Besitzer hat?

    Viele Grüße,
    Noelia

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Hallo Noelia, gut erkannt. Perfekte Begleiter gibt es nicht: Weder der Hund, noch der Besitzer sind “perfekt” (wie auch immer man dies definieren will), und das ist auch gut so. Sonst gäbe es ja diesen Blog auch gar nicht. 🙂 Liebe Grüße, Michael

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  2. Büffelgrasvodka

    Amüsant geschrieben und man kann sich selbst wiederfinden.
    Bin schon auf die nächsten Beiträge gespannt.

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Ja, vielen Haltern geht es ähnlich und viele denken auch evtl.: “Ohje, mein Hund ist wirklich der schlimmste, die anderen sind immer so lieb und brav.” Ich sag nur: Weit gefehlt! Im nächsten Beitrag ist sogar der Halter derjenige, der völlig falsch reagiert….mehr wird nicht verraten! 🙂 Viele Grüße, Michael

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  3. Jessica Kretschmar

    Toll geschrieben- ich freue mich schon auf die weiteren Beiträge!

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Hallo Jessica, schön, dass Dir der Schreibstil gefällt. Pepe gibt alles, damit uns die Themen nicht zu schnell ausgehen, und ich bringe dann seine (und manchmal auch meine) Kapriolen zu Papier. 🙂 Lass Dich überraschen, es wird neben pöbeln und fiepen auch mal der Halter auf den Prüfstand gestellt. Liebe Grüße, Michael

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  4. Gabriele

    Die Geschichte von Pepe ist herzerfrischend – ich hab ein Lächeln im Gesicht …
    Die meisten Hunde haben ihre Ecken und Kanten – das ist die Herausforderung (um nicht das „Problem“ Wort zu strapazieren 😉 – aber wenn man sie meistert, wird die Beziehung umso stärker.
    Ich freu mich auf noch mehr von Pepe.

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Hallo Gaby, die Beziehung wird tatsächlich immer intensiver. Dann sei mal gespannt, was noch so alles passiert. Viele Grüße, Michael

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  5. Daniela

    Ein lustiger, informativer und spannender Bericht auch für einen NICHT-HUNDEBESITZER! Eines steht fest: sowohl bei Pepe als auch bei seinen Besitzern sitzt das Herz am rechten Fleck, und das zählt m.E.in erster Linie!

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Hallo Daniela, vielen lieben Dank! Pepe hat unser Herz schnell erobert, trotz aller Herausforderungen, von denen hier zu lesen ist. Aber das schweißt ein Team natürlich auch zusammen. Viele Grüße, Michael

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  6. Tanja A.

    Tolle Idee. Ich freue mich sehr darüber und bin ganz gespannt, wie es Hund und Mensch so ergeht.

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      Hallo Tanja, danke für das Feedback. Ja, der Dorfsheriff hat noch die eine oder andere Überraschung parat…und ich bin daran natürlich auch nicht ganz unbeteiligt bzw. unschuldig! 🙂 Grüße Michael

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    2. Stella

      Jetzt mal ehrlich, genau dieses “nicht perfekt sein” ist es, was ein echtes Familienmitglied ausmacht! Ich glaube Pepe hat endlich seinen Platz gefunden – und der ist bei euch.
      Wirklich schöner Blog, interessant geschrieben und hinter jeder ernsten/lehrreichen Aussage steckt ein kleines Augenzwinkern. Freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

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      1. Michael (Beitrag Autor)

        Hallo Stella, vielen Dank! Ja, er hat tatsächlich seinen Platz (oder seine Plätze?!) gefunden: Körbchen, Couch, Teppich….nur das Bett ist tabu. 🙂 Auch hier könnte wieder ein kleines Augenzwinkern versteckt sein. Liebe Grüße, Michael

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  7. Kerstin

    Super geschrieben, freue mich schon auf den nächsten Teil

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    1. Michael (Beitrag Autor)

      …dann lass Dich mal überraschen. Schön, dass Dir der Blog gefällt. Grüße, Michael

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