Pepe Teil 5: „Das schafft er doch nie“ – wie unser Mantra von Pepe pulverisiert wurde!

Pepes Geschichte #5

Bevor wir zum eigentlichen Thema dieses Blogs kommen: Wir feierten die Tage einen speziellen „Geburtstag“, den Start in ein neues Leben. Vor fast genau einem Jahr: Es war der 06.06.2020, 10:03 Uhr auf einem Rasthof in der Nähe Freiburgs, als wir Pepe begrüßen durften. Wie es sich für einen echten Spanier gehört, hatte er ziemlich Verspätung und machte daheim dann erst einmal eine ordentliche Siesta. Da Freiburg die erste Station des Transports aus Spanien war, blieben ihm – im Gegensatz zu seinen Mitfahrern und Mitfahrerinnen – weitere Reisestrapazen erspart.

Rückblickend muss ich festhalten: die bisherige Zeit war sehr intensiv! Wir haben schon sehr viel zusammen erlebt und durchgestanden. Einiges davon wird hier in den kommenden Wochen noch zu lesen sein. Manchmal denke ich, soviel wie in den letzten zwölf Monaten passierte, erleben andere wahrscheinlich in ihrem ganzen Hundeleben nicht. Auf das eine oder andere hätten wir sicherlich gerne verzichtet, aber das Leben ist manchmal kein Zuckerschlecken und hält immer wieder Überraschungen parat.

Happy Birthday, Dorfsheriff

Ist Pepe fett geworden oder ein dürres Klappergerüst?

Vor wenigen Tagen begegneten wir auf unserer Gassirunde einer Nachbarin. Sie ist selbst Hundehalterin einer jungen Labrador-Hündin, die allerdings nicht dabei war. Während unseres Gesprächs sagte sie: „Ihr Hund hat sich ja total verändert!?“ Ich überlegte, ob er an Gewicht sichtbar zugelegt hat, oder gar so dürr geworden ist, dass sich schon die Nachbarn Sorgen machen? Oder verwechselt sie mich etwa?! Aber weit gefehlt. Ihre nächste Aussage war: „Er ist viel entspannter und fährt nicht mehr bei jeder Hundebegegnung aus seiner Haut, wirklich toll!“ Nein, ich habe nicht geträumt, genau so hat sie sich geäußert. Dass dies selbst der Nachbarin auffällt, die man nicht jeden Tag trifft, unterstreicht die positive Entwicklung, die der ehemalige Straßenschreck durchlaufen hat. Das Grinsen wich an diesem Tag nicht mehr aus meinem Gesicht. Und ich hatte das Gefühl, dass Pepe den ganzen Tag wie ein stolzer Gockel durch die Gegend lief.

Irgendwie hat sich Pepe doch verändert

Spielen mit Pepe – vorher gefriert die Hölle

Kommen wir jetzt zum eigentlichen Thema: Wie bereits in einem der letzten Blogbeiträge erwähnt, konnte Pepe von Beginn an mit Spielzeug nichts anfangen. Er nahm nicht einmal ansatzweise einen Ball, einen Strick oder ähnliches Spielzeug in seinen Fang (klingt irgendwie vornehmer als „Schnauze“). Wir probierten dann den Umweg über einen mit Hundeleberwurst (ja, sowas gibt es wirklich) gefüllten Spielzeug. Doch trotz der leckeren Füllung ging er so vorsichtig vor, als würde es sich bei dem Gummi-Spielzeug um etwas Zerbrechliches handeln. Also war das Thema „Beschäftigung/Spielen“ für uns schnell ad acta gelegt. Aber eben nur für uns.

Wenn der Kleine sich noch kleiner macht

Ich kann mich noch gut erinnern, als wir mit unserem Trainer im Wohnzimmer saßen und überlegten, was wir Pepe als Beschäftigung draußen anbieten können. Mit einer solchen Beschäftigung könnte er sein Selbstbewusstsein stärken, bei Hundebegegnungen wäre er evtl. abgelenkt und er hätte (mehr) Erfolgserlebnisse. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber es ist tatsächlich so, dass er dazu neigte, sich kleinzumachen, statt sich selbstbewusst zu zeigen. Dies hörten wir von allen bisherigen Trainer:innen. Nur kurz zur Klarstellung: Wir verschleißen keine Trainer:innen am laufenden Band. Wir können zwar durchaus (und natürlich nur in den Augen der Hundetrainer:innen) komische Fragen stellen, sind manchmal vielleicht schwer von Begriff und Pepe hatte sowieso das Zeug, die Nerven bis aufs Äußerste zu strapazieren. Doch das waren nicht die Gründe für die Trainer:innenwechsel innerhalb derselben Hundeschule.

Mach Dich doch nicht so klein!

Ein Trainer und dessen absurde Idee

Also, da saßen wir nun gemeinsam und unser Trainer machte einen „grandiosen“ Vorschlag (kann man die Ironie hier hoffentlich deutlich spüren?): „Wir bringen ihm das Apportieren bei!“ Je nee, ist klar. Nur nochmal zum Verständnis: Pepe nahm außer Futter nichts in seinen Fang und der Trainer wollte, dass er das, was ihn Nullkommanull interessierte und vor dem er auch noch einen gewissen Respekt hat, zu uns bringen sollte. Genauso gut hätte man mir das Schlittschuhlaufen oder Inlinern beibringen können. Die Erfolgsaussichten wären wohl extrem ähnlich, tendierten nämlich gegen Null. Aber wir waren und sind ja für alle Ideen offen. Und so starteten wir ein zu dem Zeitpunkt in meinen Augen völlig aussichtsloses Projekt namens „Pepe lernt apportieren“.

Schwierigkeitsstufe 10 von 10

Wir füllten also den Futterdummy mit Leckerlis und legten ihn auf den Boden. Was macht der Dorfsheriff? Er schnüffelte vorsichtig an dem für ihn lecker duftenden Beutel und achtete fast schon penibel darauf, ihn bloß nicht zu berühren. Der Blick von ihm kurz darauf drückte aus: „Und wer von euch drei öffnet mir jetzt den Reißverschluss von diesem gruseligen Etwas, damit ich an den Inhalt komme?“ Ok, das Level der Herausforderung war nun definiert. Aber selbst jetzt noch strahlte der Trainer seinen schier grenzenlosen Optimismus aus. Also war wenigstens einer im Raum, der an unseren Hund (und uns) glaubte.

Schwerer geht`s nicht!

Apportieren für blutige Anfänger

Die erste Hausaufgabe lautete: Den Beutel auf dem Boden sitzend in der Hand halten. Sobald er ihn auch nur hauchdünn mit seiner Nase berührte, überschütteten wir ihn mit einem überschwänglichen „Jaaaaaaa“, öffneten den Beutel und er durfte daraus ein Leckerli fressen. Das Timing dabei war extrem wichtig, da Hunde wohl nach wenigen Sekunden schon wieder vergessen haben, warum sie nun belohnt werden (gilt im Übrigen auch für Maßregeln). War ihm am Anfang der Beutel noch suspekt, gewöhnte er sich relativ schnell daran, etwas daraus zu fressen.

Apportieren für Anfänger mit Vorkenntnissen

Ich konnte zu dem Zeitpunkt zwar noch nicht wirklich den Zusammenhang zwischen „Nase berührt Beutel“ und „Pepe bringt den Beutel zu mir“ erkennen. Aber ich bin ja bekanntermaßen auch kein ausgewiesener Hunde-Experte. Für mich lagen da noch Lichtjahre dazwischen, die es zu überwinden galt. Also übten wir fleißig und Hut ab: Denn recht schnell hatte der Kleine den Dreh raus und stupste den Beutel (wenn auch vorsichtig) an. Also musste die Aufgabe erweitert werden. Nun erhielt er nur noch dann ein Leckerli aus dem Beutel, wenn er diesen stärker als bisher berührte und nicht nur leicht streifte. Und auch das merkte er relativ schnell, wie sicherlich auch unsere Nachbarn registrierten. Denn man hörte täglich dieses „Jaaaaaaa“ aus unserer Wohnung.

Das Objekt der Begierde

Apportieren für Fortgeschrittene

Wir brauchten somit schnell Ausbaustufe drei, die da lautete: Der Beutel wird in Reichweite auf den Boden gelegt und wenn er ihn berührt, gibt es wieder die leckere Belohnung. Ging sein Blick anfangs noch zwischen uns und dem Beutel hin und her, war es eine Frage von Minuten, bis er zum ersten Mal erfolgreich war. Wir mussten ihm auch immer wieder mal Zeit geben, damit er darüber nachdenken konnte, was der nächste Schritt sein könnte. Und ich konnte förmlich spüren, wie es dabei in seinem hübschen Köpfchen ratterte. Was soll ich sagen? Auch hier dauerte es nicht lange, und er hatte es kapiert.

Bereit für die Apportier-Olympiade

Ich kürze die nächsten Schritte etwas ab. Der Dummy wurde sukzessive weiter weg geworfen, Pepe berührte ihn und holte sich das Leckerli dann bei uns ab, das „Jaaaaaaa“ war dabei natürlich obligatorisch. Später dann nahm er sogar den Beutel auf, hob ihn kurz an und ließ ihn wieder fallen. Und dann kam der eine Moment: Als er irgendwann trotz Berührung und Aufnehmen kein Leckerli mehr bekam, fingen seine Gehirnwindungen wieder an, kräftig zu rotieren. Und was machte er nach reiflichem Überlegen? Er nahm den Beutel in seinen Fang und brachte ihn zu uns. „Jaaaaaaa“ erklang es noch lauter als sonst und der Bann war gebrochen. Auch den Ortswechsel von daheim zu draußen meisterte der kleine Streber ohne Probleme. Mittlerweile werfen wir den Futterbeutel (gefüllt mit Karottenstückchen) draußen während des Gassigangs weit von uns, er sprintet hinterher und bringt ihn motiviert zurück. So in etwa sieht das dann aus (mit Ton):

Apportieren? Kein Problem für mich!

Und da sind sie wieder, die eingebrannten Muster

Ich hätte ihm das wohl nie zugetraut und da sind wir schon wieder beim Thema „Muster im Kopf aufbrechen“ aus dem Blog Teil 3. Offener sein, frei von Vorurteilen handeln und nicht vorher schon vermeintlich wissen, was passieren wird. Dem Vierbeiner mehr zutrauen, was im Übrigen auch das Selbstbewusstsein des treuen Begleiters steigert. Immer positiv denken und die Herausforderungen annehmen, dann klappt es in Kombination mit Fleiß und Disziplin meist auch.

Immer höher, immer weiter

Dazu passten auch die Erlebnisse während zweier Spaziergänge. Und diese müssen unseren Trainer sehr amüsiert haben (das vermute ich jedenfalls). Auf einem Spaziergang lag auf dem Weg ein Ast im Weg und wir drückten ihn ohne nachzudenken mit dem Fuß runter, damit unser kleiner Pepe problemlos drüber laufen konnte. Jetzt muss man sich das einmal vorstellen: Der Ast war mit Sicherheit nicht 0,5m hoch, denn dann wäre der Kleine ja locker drunter durch gelaufen. Er war also in einer Höhe, die er wahrscheinlich ohne Mühe mit einem Sprung hätte schaffen können, aber irgendwie haben wir es ihm wohl nicht zugetraut, warum auch immer. Seitdem zieht uns der Trainer auf Spaziergängen regelmäßig damit auf („Achtung, da liegt ein Zweig!“), mit dem Ergebnis, dass wir ihn (Pepe, nicht den Trainer) mittlerweile auch über bzw. auf große Baumstämme springen lassen.

Und genau das hat Pepe sogar geschafft. Denn auf einem weiteren Spaziergang sprang sein Hundekumpel Mo auf einen gefällten Baumstamm und erhielt als Belohnung ein Leckerli. Ob es nun am verlockenden Essen lag, spielt keine Rolle: Pepe musste all seine Muskeln wie eine Feder angespannt haben, denn plötzlich stand er neben Mo auf dem Baumstamm. Auch das hätte ich ihm nicht wirklich zugetraut. Statt „nicht zutrauen“ muss es heißen „vollstes Vertrauen“ und daran arbeiten wir, auch wenn es nicht immer einfach ist, fest eingebrannte Denkmuster von der Festplatte zu löschen.

Und so geht’s weiter…

Trockenfutter, Nassfutter, Softfutter, Barf, Hunde und Kohlenhydrate, synthetische Zusätze, bedarfsdeckend oder nicht, penetrante Vertriebs-Profis, Ernährungsberatung und eine üble Magen-/Darm-Entzündung: Verzweifelte Orientierungsversuche im Hundefutter-Dschungel und ein Krankenhausaufenthalt, den kein Mensch (und schon gar kein Hund) braucht.

Wie es mit Pepe weitergeht, erfahrt ihr in Teil 6 des Blogs.

1 Kommentar

  1. Simone Wenzlaff

    Wow! Was für eine tolle Entwicklung von Pepe. Ich habe mich direkt mit gefreut und beinahe wäre auch mir ein ‚Jaaaaaa‘ rausgerutscht 😉
    Toll, dass ein kleines Video des süßen ‚Strebers‘ dabei war. Aber gerne auch noch das ein oder andere Foto 😃

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